Landesfrauenrat
Sachsen-Anhalt e.V.
Die Werbung, die Medien, der Film, alle bieten sie den Körper der Frau als Ware an, die der Mann kaufen oder mit Gewalt nehmen kann. Mehr noch: Die ganze Welt des Konsums verführt via Sexualgewalt und Ware Frau. Man kauft nicht nur das Auto, man kauft den Frauenkörper dazu.
* Dacia Maraini
21.11.2014

Bericht: 25 Jahre friedliche Revolution – die Rolle von Frauen in politischen Umbruchsituationen

Dr. Petra Hoffmann und Ministerin Dr. Angela Kolb

Am Samstag, dem 15. November, fand die gemeinsame Tagung „25 Jahre friedliche Revolution - die Rolle von Frauen in politischen Umbruchsituationen des Landesfrauenrates mit der Landeszentrale für politische Bildung statt.

Den Einstieg in das Thema bildete eine Gesprächsrunde mit Ministerin Dr. Angela Kolb, Carmen Niebergall (Mitglied der 1. Freigewählten Volkskammer 1990 und Staatssekretärin für Frauen- und Gleichstellungsfragen der 1. Legislaturperiode in Sachsen-Anhalt) und Dr. Petra Hoffmann (Ressortleiterin für Gleichstellung der Bezirksverwaltungsbehörde 1990) zur Frage, wie sie die Zeit 1989/1990 erlebt haben und mit welcher Motivation sie sich in die wirkenden Gestaltungs-/Umgestaltungsprozesse eingebracht haben. Alle beteiligten beschrieben die Zeit als rasant. So rasant, dass bestimmte gleichstellungspolitischen oder verfassungsrechtlichen Fragen gar nicht diskutiert werden konnten. In einer spannenden und emotionalen Diskussion, an welcher sich auch von Beginn an die Zuhörerinnen beteiligten, ging es um Betriebsschließungen, §218 und Ehrenamt. Im Verlauf der Diskussion stellte die Ministerin für Justiz und Gleichstellung das aktuelle Landesprogramm für ein geschlechtergerechtes Sachsen-Anhalt vor. In einer abschließenden Frage aus dem Publikum: ob die im Landesprogramm aufgezeigten Bedarfe im Sinne der Chancengleichheit den anwesenden Frauen der 1. Stunde bekannt vorkämen, waren die Antworten knapp und klar: ja. Fazit bleibt - die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft ist noch ein langer Weg. 

Carmen Niebergall
Im nachmittäglichen Teil der Veranstaltung richtete sich der Fokus auf Umbrüche und Revolutionen außerhalb Europas. Die Kernfrage war hier, welche Rolle Frauen in diesen Umbruchsituationen übernehmen und ob Gleichstellungsthemen eine Rolle spielen.

Den Einstieg gab Frau Dr. Sara Binay mit einem sehr aufschlussreichen Vortrag zur Rolle von Frauen im sogenannten Arabischen Frühling in Ägypten. Ihren Ausführungen stellte sie zwei zentrale Thesen voran:
1. Den „Arabischen Frühling" in Ägypten hätte es ohne die Frauen nicht gegeben.
Im Zuge ihrer Ausführungen präsentierte Dr. Binay einen Ablauf der Ereignisse in Ägypten, mit Beachtung der Aktivistinnen. In der offiziellen Chronologie sind diese leider wieder mal nicht existent.
2. Demokratisierung heißt nicht automatisch Frauenrechte.
Mit Blick auf die aktuelle Situation stellt Dr. Binay fest, dass die Situation nach wie vor ambivalent ist. Zum einem werden Frauenrechte gestärkt und auf der anderen Seite werden Frauen nach wie vor verfolgt.

Im Anschluss machte Frau Dr. Lutz-Auras, Universität Rostock, in ihrem Vortrag Ausführungen zur aktuellen Situation in der Ukraine, eingebettet in die Historie der Ukraine. Im Vergleich zur Revolution im Winter 2004, wo die Proteste zur Hälfte von Ukrainerinnen bestimmt waren und welche friedlich verlief, haben sich die Proteste 2014 stark radikalisiert. Frauen sind kaum präsent und werden sogar aufgefordert zu Hause zu bleiben. In der derzeitigen Übergangsregierung findet sich keine einzige Ministerin. Dr. Lutz-Auras verwies auf die lange feministische Tradition in der Ukraine. Es gab bereits im 17./18. Jahrhundert das Scheidungsrecht für Frauen, 1919 das Frauenwahlrecht und 1920 wurde die Abtreibung legalisiert. Seit 1991 gehörte die Ukraine zum Staatenbund der Sowjetunion und die damit einhergehenden Traditionalisierung der Bevölkerung machte die Frauen zu Verliererinnen. Heute herrscht das Frauenbild der schöne Frau und der rührenden Mutter vor. Ebenfalls ein Problem der Neuzeit ist die Tatsache, dass immer mehr Ukrainerinnen im Ausland arbeiten und ihre Familien (Kinder) zurück lassen. Hierzu empfahl Frau Lutz-Auras das Buch „Skype-Mamas".

In einer lebhaften Abschlussrunde wurde nochmal deutlich, dass sich unser europäisches Frauenbild und die damit verbundenen Gleichstellungsziele nicht auf die arabischen Frauen oder auf die Frauen in Osteuropa übertragen lassen.

An dieser Stelle möchten wir uns bei unserer Kooperationspartnerin, der Landeszentrale für politische Bildung, den Referentinnen und der Moderatorin Frau Dr. Karin Scherf vom MDR bedanken.

Text: Daniela Suchantke 

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