Landesfrauenrat
Sachsen-Anhalt e.V.
Was hätte man davon, wenn man klein täte; es hülfe doch niemand aus der Not, und der Mensch ist so glücklich, wenn er bedauern kann.
* Jenny Marx
02.12.2013

Fachtag "Partnerschaftsgewalt im ländlichen Raum - (K)ein Thema?"

Unter dieser Fragestellung veranstaltete der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt e.V. in Kooperation mit der Landesintervention und -koordination bei häuslicher Gewalt und Stalking (LIKO) anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Kindern einen Fachtag in Stendal. Er fand am 28. November 2013 im Musikforum Katharinenkirche statt.

Begrüßung durch Cornelia Lüddemann, stellvertretende Vorsitzende des Landesfrauenrates Sachsen-Anhalt e.V.

Häusliche Gewalt ist ein Phänomen in unsere Gesellschaft, welches oft bagatellisiert wird. Dabei handelt es sich nicht um einmalige Ereignisse, sondern um ein komplexes Misshandlungssystem, welches in unterschiedlichen Facetten auftritt. Zahlreiche Organisationen wie Polizei, Justiz, Einrichtungen im pädagogischen und sozialen Bereich sowie des Gesundheitssystems haben täglich mit diesem gesellschaftlichen Problem zu tun. Traut man der polizeilichen Kriminalstatistik, so tritt Partnerschaftsgewalt im städtischen Bereich häufiger auf als im ländlichen Raum. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend führte eine Repräsentativstudie durch, die ergab, dass mindestens jede vierte Frau seit ihrem 16. Lebensjahr gewalttätige Übergriffe körperlicher und/oder sexueller Art durch einen Beziehungspartner erlebt hat bzw. aktuell erlebt. Diese Befragung der von Partnerschaftsgewalt betroffenen Frauen ergab zudem, dass in 60% der Fälle Kinder in der belasteten Familie lebten. Erleben Mütter in der Partnerschaft Gewalt, so sind die Kinder immer mit betroffen. Zum Teil sind ähnliche gesundheitliche Folgen zu beobachten wie bei Kindern, die selbst direkt betroffen sind. Zudem zeigen Studien die Gefahr auf, dass der Kreislauf der Gewalt sowohl in Bezug auf die Opfer als auch in Bezug auf die Täterrolle über Generationen vererbt wird und eine geschlechtsspezifische Auswirkung häuslicher Gewalt existiert. Mädchen identifizieren sich mit ihrer Mutter. Sie erleben Frau-Sein in Verbindung mit Gewalt, erdulden Hilflosigkeit und Verzweiflung. Es besteht ein deutlich höheres Risiko, dass sich Mädchen in späteren Beziehungen in genau diese Rolle hineinbegeben und von Misshandlungen durch den eigenen Partner betroffen sind. Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser in Sachsen-Anhalt berichten, dass Kinder, die mit ihren Müttern Zuflucht im Frauenhaus suchten, nun selbst für sich und ihre Kinder diesen Schutzraum benötigen. Jungen dagegen erleben, wie der Vater Gewalt als Konfliktlösungsmechanismus einsetzt. Sie sind stark gefährdet, in späteren Beziehungen zum Täter zu werden und Gewalt als Mittel zur Durchsetzung eigener Bedürfnisse einzusetzen.

Vorstellung des Projektes "Bürgermut tut allen gut" durch die Projektkoordinatorin Doris Wieferich

Im Rahmen des Fachtages sollte der Frage nachgegangen werden, ob häusliche Gewalt auf dem Land tatsächlich weniger als in der Stadt vorkommt oder ob durch soziale Kontrolle der Nachbarschaft und fehlende Anonymität diese Fälle nicht aufgedeckt werden. Dazu stellte Prof.'in Dr. rer. pol. Yvette Völschow (Universität Vechta) aktuelle Forschungsergebnisse vor. Anschließend wurden an Hand von Projektbeispielen und in einem Fachaustausch mit Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Professionen besondere Anforderungen und Probleme im ländlichen Raum erörtert.
Doris Wieferich berichtete über das Projekt Bürgermut tut allen gut, bei dem Nachbarschaften im nierdersächsichen Kreis Diepholz gegen Häusliche Gewalt aktiviert wurden. Max Lindner von der Täterberatungsstelle ProMann aus Magdeburg stellte den aktuellen Stand des Projektes BETA vor. Bei diesem Projekt geht es um die Fortbildung und Netzwerksbildung zur Gewinnung von Multiplikator_innen in der Täterarbeit. Im abschließenden Fachaustausch saßen neben den Referent_innen Angelika May, Vorstandsfrau von SIGNAL – Intervention im Gesundheitsbereich gegen Gewalt an Frauen e.V. sowie Lissy Hermann von der Interventionsstelle häusliche Gewalt / Stalking in Magdeburg.

abschließender Fachaustausch
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