Landesfrauenrat
Sachsen-Anhalt e.V.
Insbesondere Geld, gesellschaftliche Akzeptanz, Ungebundenheit und Macht sind auch heute noch so ungleich verteilt, dass wir schlechterdings nicht behaupten können, Frauen rivalisierten unter gleichen Bedingungen.
* Christine Bergmann
27.02.2017

FrauenFachForum 2017 - ein Bericht

Begrüßung zum FrauenFachForum durch Conny Lüddemann (Stellvert. Vorsitzende Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt e.V.)

Unter der Überschrift „feminismus im netz - Twitter, Facebook und Co. - Chancen und Risiken neuer Medien" fand am 15. Februar 2017 das FrauenFachForum - eine gemeinsame Veranstaltung der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauenbeauftragten und des Landesfrauenrates Sachsen-Anhalt in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Landespräventionsrat Sachsen-Anhalt - statt.

Das Internet ist längst nicht mehr „Neuland". Es ist inzwischen das zentrale Kommunikationsmedium der Gesellschaft, unerlässlicher Bestandteil unserer Lebensrealität. Wir befinden uns in einem fundamentalen technologischen Umbruch, in dem Frauen strukturell in der eindeutigen Minderheit sind - und dennoch die vielfältigen Möglichkeiten, die diesen Medium bietet nicht missen wollen. Fluch und Segen liegen - wie stets bei solchen Entwicklungen - nahe beieinander. So begegnet den aktiven Feministinnen im Netz nicht nur Zuspruch, sondern es passieren dort ebenso Anfeindungen. Alte Bekannte, wie der Antifeminismus, kommen daher im neuen Gewand - als Hatespeech, Troll oder Cybermobbing.

Doch die Gewalt in den Sozialen Netzwerken ist nur eine Facette des Internets. Es gibt zugleich einen globalen Entfaltungsraum, unzählige Bühnen für Frauen. „Netzfeminismus" oder „Onlinefeminismus" und feministische Netzpolitik heißen die Schlagworte. Im FrauenFachForum 2017 ging es daher um Diskurse und Strategien, Chancen und Risiken neuer Medien in der feministischen Arbeit.
 

Francesca Schmidt, Gunda-Werner-Institut
Die ständigen Veränderungen regen an, immer wieder aufs Neue zu fragen, wie feministische Netzwerke im Internet gelebt werden und welchen Einfluss das Medium darauf hat. Einen aktuellen Überblick hierzu gab Francesca Schmidt vom Gunda-Werner-Institut. Social-Media-Plattformen wie Facebook, Tumblr, Instagram und Twitter geben heute den Ton an. Hier bauen sich Nutzer*innen eine individuelle Timeline auf, das heißt, sie abonnieren andere Nutzer*innen und Medienangebote und posten eigene Beiträge und Kommentare. Im Zeitalter von Social-Media-Timeline haben sich die Möglichkeiten, feministische Netzwerke zu knüpfen, noch einmal vervielfacht. Die verschiedenen Plattformen ermöglichen einen weltweiten Austausch, es entstehen neue Formate und eröffnen neue Räume für die Diskussion feministischer Theorien (Blogs, Gruppen, etc.).
Kübra Gümüsay, Bloggerin und Netzaktivistin
Im Anschluss an das Referat zu Feminetiquette sprach Kübra Gümüsay über ihre Erfahrungen zu Hass im Netz. Sie erklärte „In diesem Raum (gemeint ist das Internet, A. d. R.) galt ich als mündig, durfte mitdenken und mitsprechen. Allein das war für mich ein sehr positiver Faktor". Aber auch sie ist wie viele andere Blogger*innen und Netzaktivist*innen HateSpeech und anderen Formen von Cybergewalt ausgesetzt. So stellt Sie fest, dass Hass sich im Netz immer stärker verbreitet und es kaum bzw. keine negativen Sanktionierungen gibt. Wichtig ist daher, dass unter den unterschiedlichen Gruppierungen (Feministinnen, Menschen, die sich für Minderheiten und Minderheitenrechte einsetzen) kein Wettbewerb der Dringlichkeiten gibt. Der Anspruch aller muss sein, im Idealfall auch immer allen anderen Diskriminierung entgegenzutreten bzw. diese nicht zu reproduzieren.

In den anschließenden Fishbowls wurden intensiv zu den Themen Präventionsmöglichkeiten, Antifeminismus und Umgang mit Hatespeech diskutieren. An dieser Stelle sollen einige Schlaglichter aus den Diskussionen in den Fishbowls dargestellt werden.

Aus der Fishbowl „Möglichkeiten der Prävention im Zusammenhang mit (Hass-)kriminalität:

- Frühintervention auf Einstellungs- und Verhaltensebene mit Hilfe von Präventionsprogrammen, um „an der Wurzel" anzusetzen, z. B. durch Intensivierung der pädagogischen und medienpädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
- Evidenzbasierte Präventionsprogramme verwenden und Projekte evaluieren
- Verbesserung der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Gewaltphänomenen, einhergehend mit Erstellung von Lagebildern, um einen gezielten und nachhaltigen Einsatz von Präventionsmaßnahmen zu ermöglichen
- Aus- und Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer*innen und pädagogische Mitarbeiter*innen
- An Betroffene von Hatespeech, Cybermobbing und anderen Formen von Gewalt im Internet, appellieren, diese immer zur Anzeige zu bringen, denn nur so kann die Polizei Statistiken erarbeiten und Lagebilder erstellen  Ausschöpfung der vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten
- Vernetzung von Präventionsakteur*innen/Verbesserung der berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit
- eine breitere Öffentlichkeitsarbeit
- Verbesserung der Opferbetreuung, Schaffung von zentralen Anlaufstellen
- Präsenz der Polizei im Internet ausbauen, sogen. „Internetstreife"

Aus der Fishbowl „Antifeminsimus im Netz" mit Andreas Kemper:
- welche antifeminsitischen Netzwerke gibt es im Netz und wie sind sie miteinander vernetzt
- erkennen von Hasskommentaren
- rechtliche Möglichkeiten und Grenzen in der Strafverfolgung

Aus der Fishbowl „Feministische Blogs und Umgang mit Hatespeech" mit Kübra Gümüsay in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt
- Plädoyer für die Eroberung bzw. Rückeroberung freier geschützter Räume zum Austausch
- mehrere Strategien parallel verfolgen: Diskussion in geschlossenen Gruppen aber auch eine Veränderung der Räume im Netz fordern
- gesellschaftliche Normen erfahren Veränderung durch den Umgang miteinander im Internet - Netiquetten/ Kodex für Verhalten im Internet verpflichtend einführen, damit „Hater" ausschließen
- Netzwerke, Projekte etc. unterstützen, die positive Frauenbild zeigen und keine sexistischen Stereotype verwenden.

Betty Harper, Poetry-Slammerin
Im gemeinsamen Plenum wurde anschließend erörtert, welche Fragen oder Forderungen an Politik es im Umgang mit Hass im Internet gibt. Aus dem Landesfrauenrat Niedersachsen stellte Bela Lange die dort verabschiedeten Resolution „Es reicht - gegen sexistische und frauendiskriminierende Kommentare im Netz" vor.

 

Den Abschluss dieses gemeinsames FrauenFachForums - eine Kooperation der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten des Landes Sachsen-Anhalt, der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt, dem Landespräventionsrat und des Landesfrauenrates - gestaltet Betty Harper mit ihren Poetry Slams. Bewegend ihr „Appell an die Empathie".

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