Landesfrauenrat
Sachsen-Anhalt e.V.
Frauenrecht ist nicht ein abstrakter Begriff; es ist vor allem eine persönliche Sache.
* Toni Morrison
16.12.2013

Ins Rollen gebracht - Start der landesweiten Kampagne "Ausbl!ck"

Am 09. Dezember 2013 startet in Sachsen-Anhalt die Kampagne “Ausbl!ck” des Landesweiten Netzwerks für ein Leben ohne Gewalt. Bis zum 22. Dezember werden bedruckte Türanhänger im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in den SBahnlinien zwischen Zielitz und Schönebeck-Salzelmen, sowie zwischen Halle Trotha und Halle-Nietleben platziert und ausgehangen. Ziel ist es, betroffene Frauen, mögliche Unterstützungspersonen und gewaltausübende Männer über Hilfsangebote zu informieren und zu ermutigen, diese auch zu nutzen. Durch die breite Öffentlichkeit wird der Blick auf Gewalt im sozialen Nahraum geschärft. Häusliche und sexualisierte Gewalt, sowie Stalking sind Tabuthemen, damit wird jetzt gebrochen.

Gewalt im sozialen Nahraum (häusliche und sexualisierte Gewalt, sowie Stalking) ist ein Phänomen in unserer Gesellschaft, das lange bagatellisiert und in seinen Auswirkungen vielfach unterschätzt wurde. In der Mehrzahl der Fälle üben Männer die Gewalt gegen Frauen und Kinder aus. Gewalt gegen Frauen ist das Resultat struktureller Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und tritt in unterschiedlichen Formen auf. Sie kann auf physischer, sexueller, psychischer, ökonomischer oder sozialer Ebene ausgeübt werden und richtet sich außer gegen Lebenspartnerinnen auch gegen ältere Menschen, pflegebedürftige Personen und Menschen mit Behinderungen. Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund sind darüber hinaus von traditionsbedingter Gewalt betroffen. Bei der Gewalt im sozialen Nahraum handelt es sich nicht um einmalige Ereignisse, sondern um ein komplexes Misshandlungssystem. Zahlreiche Organisationen wie Polizei, Justiz, Einrichtungen der Sozialen Arbeit, Einrichtungen im Gesundheitsbereich und im pädagogischen Bereich haben täglich mit diesem gesellschaftlichen Problem zu tun.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend führte eine Repräsentativstudie durch, die ergab, dass mindestens jede vierte Frau seit ihrem 16. Lebensjahr gewalttätige Übergriffe körperlicher und/oder sexueller Art durch einen Beziehungspartner erlebt hat bzw. aktuell erlebt. Diese Befragung der von Partnerschaftsgewalt betroffenen Frauen ergab zudem, dass in 60% der Fälle Kinder in der belasteten Familie lebten. Erleben Mütter in der Partnerschaft Gewalt, so sind die Kinder immer mit betroffen. Zum Teil sind ähnliche gesundheitliche Folgen zu beobachten wie bei Kindern, die selbst direkt betroffen sind. Zudem zeigen Studien die Gefahr auf, dass der Kreislauf der Gewalt sowohl in Bezug auf die Opfer als auch in Bezug auf die Täterrolle über Generationen vererbt wird und eine geschlechtsspezifische Auswirkung häuslicher Gewalt existiert. Mädchen identifizieren sich mit ihrer Mutter. Sie erleben Frau-Sein in Verbindung mit Gewalt, erdulden Hilflosigkeit und Verzweiflung. Es besteht ein deutlich höheres Risiko, dass sich Mädchen in späteren Beziehungen in genau diese Rolle hineinbegeben und von Misshandlungen durch den eigenen Partner betroffen sind. Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser in Sachsen-Anhalt berichten, dass Kinder, die mit ihren Müttern Zuflucht im Frauenhaus suchten, nun selbst für sich und ihre Kinder diesen Schutzraum benötigen. Jungen dagegen erleben, wie der Vater Gewalt als Konfliktlösungsmechanismus einsetzt. Sie sind stark gefährdet, in späteren Beziehungen zum Täter zu werden und Gewalt als Mittel zur Durchsetzung eigener Bedürfnisse einzusetzen. Zudem hat eine aktuelle repräsentative Untersuchung ergeben, dass Frauen mit Behinderungen zu einem weit höheren Anteil in ihrem Leben von Gewalt, Übergriffen und Diskriminierung betroffen sind als der Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung. Es ist zwingend notwendig, die Gewalt in sozialen Beziehungen zu beenden und den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Dieses setzt voraus, dass eine zeitnahe Unterstützung angeboten wird, da sich Betroffene zu einem späteren Zeitpunkt nur bedingt auf Hilfe einlassen können. Die Unterstützungsangebote in Sachsen-Anhalt befinden sich vorrangig in Ober- und Mittelzentren. Aufgrund der kurzen Wege und der guten Vernetzungsmöglichkeiten der Unterstützungsangebote im urbanen Raum, besteht eine breite Öffentlichkeit. Dies begründet auch die starke Frequentierung und die hohe Auslastung dieser Angebote. In den ländlichen Regionen fehlt es hingegen an Infrastruktur. Zunehmend gibt es kaum, bzw. keine Kenntnisse über mögliche Unterstützungsangebote, da diese nicht vor Ort sind und mögliche NetztwerkpartnerInnen fehlen. Durch fehlende Anonymität unterliegen betroffene Frauen in den ländlichen Regionen oftmals einer sozialen Kontrolle durch die Nachbarschaft. Das führt dazu, dass diese Fälle oftmals nicht aufgedeckt werden.

2008 initiierte die Landesintervention und -koordination bei häuslicher Gewalt und Stalking (LIKO) das Landesweite Netzwerk für ein Leben ohne Gewalt. Dieses Gremium ist ein Zusammenschluss von Institutionen, welcher aktiv gegen Gewalt im sozialen Nahraum tätig ist. Es setzt sich aus den Landesarbeitsgemeinschaften der Frauenzentren, der Frauenhäuser, der Interventionsstellen, der Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt, der Täterberatung, der Beratungsstelle gegen Frauenhandel und Zwangsverheiratung, dem Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt e.V. sowie der Landesintervention und -koordination bei häuslicher Gewalt und Stalking zusammen. Unterstützt wird das Netzwerk von den kommunalen Gleichstellungsbeauftragten des Landes. LIKO koordiniert, gestaltet und moderiert diese Netzwerkarbeit.
LIKO befindet sich in der Trägerschaft des PARITÄTISCHEN. Der PARITÄTISCHE Sachsen Anhalt ist einer der größten Wohlfahrtsverbände und organisieren mit seinen Mitgliedsorganisationen soziale Arbeit wie Seniorenhilfe, die Betreuung von Menschen mit Behinderungen und die Unterstützung von Kindern, Jugendlichen, Familien sowie Betroffenen in schwierigen Lebenslagen in ganz Sachsen-Anhalt. Die Stelle der Landesintervention und -koordination bei häuslicher Gewalt und Stalking dient der trägerübergreifenden Vernetzung und Optimierung der Interventionsarbeit zur Bekämpfung der Gewalt in engeren sozialen Beziehungen und Stalking.

Für Nachfragen rufen Sie gern an:
Der Paritätische Sachsen-Anhalt
Landesintervention und -koordination bei häuslicher Gewalt und Stalking
Dorit Schubert
0391- 6293523
liko@paritaet-lsa.de
www.liko-sachsen-anhalt.de

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