Landesfrauenrat
Sachsen-Anhalt e.V.
Jede Frau ändert sich, wenn sie erkennt, dass sie eine Geschichte hat.
* Gerda Lerner
10.11.2016

Runder Tisch „Geburt und Familie“ nimmt Arbeit auf

Magdeburg. Was ist notwendig, damit alle Frauen in Sachsen-Anhalt einfach und niedrigschwellig Unterstützung durch Hebammen erhalten können? Welche Weichen können im Land gestellt werden? Dieser Frage geht ein „Runder Tisch Geburt und Familie“ nach, der sich heute auf Einladung des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration in Magdeburg konstituiert hat. Ergebnisse sollen Ende 2017 vorgelegt werden. „Drei Ziele stehen im Mittelpunkt: die natürliche Geburt stärken, den Bedarf decken und die Qualität sichern“, sagte Sozialministerin Petra Grimm-Benne zum Auftakt.

Vertreterinnen und Vertreter aus Verbänden, Krankenkassen, Ministerium und Politik gehen in den kommenden Monaten in Arbeitsgruppen werten regionale Bedarfe aus, diskutieren über die Themen Ausbildung und Finanzierung und analysieren, wie die Wahlfreiheit des Geburtsortes gewährleistet sein kann. In der Koalitionsvereinbarung war im Frühjahr festgelegt worden, diesen Prozess noch 2016 auf den Weg zu bringen.

Ministerin Grimm-Benne: „Die Freiheit zu wählen, ob ein Kind im Krankenhaus oder zum Beispiel zu Hause zur Welt kommen soll, ist gefährdet, wenn es zu wenige Hebammen gibt, die Hausgeburten betreuen.“ Vor dem Hintergrund von extrem stark steigenden Haftpflichtprämien drohe die Zahl der Hebammen, die Hausgeburten betreuen, weiter zu sinken.

Laut Statistischem Landesamt waren 2014 in Sachsen-Anhalt 273 Hebammen tätig. Damit wurden erstmals seit 2004 leicht rückläufige Zahlen (2013: 276) verzeichnet. Alle Hebammen und Entbindungspfleger sind ambulant oder ambulant und stationär tätig. Fest angestellt in Krankenhäusern waren 2016 rund 84 Prozent (229), rund 16 Prozent waren ausschließlich ambulant tätig. Die Zahlen der Berufsverbände weichen davon ab. Der Landeshebammenverband zählt aktuell 330 registrieren Mitglieder.

Der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt e.V. begrüßt diesen Schritt. Bereits im Jahr 2014 beschloß die Delegiertenversammlung einen Antrag, der sich mit den Themen natürliche Geburt und Absicherung von Hebammen befasste. Vertreterinnen des Landesfrauenrates warben für die Umsetzung der Forderungen beim damaligen Sozialminister Norbert Bischoff. Der Beschluss lautete:

Der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt e.V. hat sich in den letzten Wochen intensiv mit der Situation der Hebammen beschäftigt und dabei folgende Erkenntnis gewonnen: Schwangerschaft und Geburt sind natürlicher Teil des Lebens. Dennoch wird vor allem der Geburtsvorgang zunehmend als Risiko begriffen, der Anteil natürlicher Geburten sinkt. Die Anzahl der Kaiserschnittentbindungen hat sich von 14 Prozent im Jahr 1990 auf mittlerweile 33 Prozent verdoppelt.
Die operative Geburt ist nicht per se nachteilig. Dennoch ist der Kaiserschnitt ein erheblicher operativer Eingriff, der auch kurz- und langfristige Risiken für Mutter und Kind birgt. Nicht selten spielen Verunsicherung und Angst bei der Entscheidung gegen eine natürliche Geburt eine Rolle. Hier kann durch Information und Unterstützung gegengesteuert werden.

Daher stellen wir nachfolgenden ANTRAG auf der Delegierten- und Wahlversammlung des Landesfrauenrates am 29.03.2014 zur Abstimmung mit der Bitte um Zustimmung.
Der Landesfrauenrat möge beschließen: – sich beim Ministerium für Gesundheit und Soziales dafür einzusetzen, dass Sachsen-Anhalt ähnlich dem Baden-Württemberger Modell eine Kampagne zur Stärkung der natürlichen Geburt durchzuführen – die Landesregierung zu ersuchen, einen Landtagsbeschluss herbeizuführen, welcher die konzeptionelle Erarbeitung und Durchführung einer solchen Kampagne unter Federführung des MS festschreibt und im Haushaltsplan 2015/2016 die dafür erforderlichen finanziellen Mittel bereit stellt – diesen Beschluss an alle Fraktionen zu verschicken und für Unterstützung für das Anliegen zu werben – Kontakt mit dem Hebammenverband Sachsen-Anhalt aufzunehmen und ihn als Partnerin für die Kampagne gewinnen.

Hintergrund zur Kampagne in Baden-Württemberg:
Der Landtag von Baden-Württemberg hat den Handlungsbedarf erkannt und mit Beschluss vom 12. Dezember 2012 das Sozialministerium gebeten, eine Kampagne zur Stärkung der natürlichen Geburt durchzuführen.
Die Kampagne zur Stärkung der natürlichen Geburt möchte der Darstellung des natürlichen Geburtsvorgangs als Krankheit entgegenwirken. Sie setzt an zwei Ebenen an. Zum einen richtet sie sich mit der Homepage, Flyern und Plakaten an werdende Eltern. Gefördert wird das Verständnis der Geburt als natürlichen Vorgang durch Beratung und Aufklärung von werdenden Müttern. Somit soll die persönliche Entscheidungsfähigkeit der werdenden Mutter gestärkt werden.
Zum anderen möchte die Kampagne die Zusammenarbeit von Frauenärztinnen und Frauenärzten, Krankenhäusern und Hebammen verbessern. Zum Ausbau gegenseitiger Akzeptanz und einer engen Kooperation sollen Regionalkonferenzen der Berufsverbände stattfinden.
In einem bisher einmaligen, breiten Zusammenschluss relevanter Akteure in Baden-Württemberg wurde die Informationskampagne zur Stärkung der natürlichen Geburt gestartet.
Die Kampagne ist eine Aktion des Sozialministeriums Baden-Württemberg mit den Fraktionen des Landtags Baden-Württemberg, dem Berufsverband der Frauenärzte e.V. Landesverband Baden-Württemberg, dem Hebammenverband Baden-Württemberg e.V., der Landesärztekammer Baden-Württemberg, der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft e.V. und der Techniker Krankenkasse Landesvertretung Baden-Württemberg.

Information aus der Kaiserschnittkampagne des AKF: Die Häufigkeit, mit der derzeitig Kaiserschnitte durchgeführt werden, ist aus Sicht der WHO und anderer Fachleute medizinisch und ethisch nicht gerechtfertigt. Diese Bedenken teilt der Runde Tisch des AKF „Lebensphase Eltern werden“. Es sind strukturelle, organisatorische und ökonomische Gründe, die die Entscheidung für einen Kaiserschnitt begünstigen. Legitimiert wird diese jedoch in der Regel mit einer sogenannten relativen(„weichen“) Indikation.
Heute erlaubt die personelle Besetzung im Kreißsaal meist keine kontinuierliche Betreuung der Gebärenden durch die Hebamme, die die Schwangere stärkt und Zeit gibt für die natürlichen Abläufe. Stattdessen wird Zeitdruck aufgebaut und eine Interventionskette initiiert, die die Geburt verkürzen soll. Häufig sind Kaiserschnitte das Resultat voreiliger Geburtseinleitungen undanderer Eingriffe in den natürlichen Geburtsablauf. Vielen routinemäßigen Anwendungen fehlt zudem die Evidenz. Ein Beispiel hierfür ist die kontinuierliche Herztonüberwachung (CTG). In 50% der Fälle ist die Interpretation des CTGs zur Diagnostik eines fetalen Gefährdungszustandsfalsch. Ernst zu nehmen sind auch Hinweise auf erhöhte Kaiserschnittraten nach einer Epiduralanästhesie.6 Aus betriebswirtschaftlicher Sicht besteht kein Anreiz, Vaginalgeburten zu fördern und Kaiserschnitte zu vermeiden. Die Kliniken müssen eine teure Infrastruktur für die Geburtshilfe vorhalten. Die Vergütung für die Betreuung einer normalen Geburt reicht nicht aus, um die Kosten auszugleichen.
Ein weiteres Problem ist die haftungsrechtliche Situation, die den GeburtshelferInnen häufig nicht gestattet, nach medizinisch-fachlichen Kriterien zu entscheiden, sondern sie nötigt, eine Defensivmedizin zu betreiben, in der sie mit dem Kaiserschnitt nach bisheriger Rechtsprechung „immer auf der sicheren Seite“ sind. Fatalerweise wird diese Art forensischer Absicherung auch von vielen Beteiligten, insbesondere von werdenden Eltern, als medizinisch-fachliche Sicherheit fehlgedeutet.

Kosten für eine Geburt:
Geburt im Geburtshaus: 467,20 Euro
Hausgeburt: 548,80 Euro
Vaginalgeburt in einer Klinik: 1.594 bis 2.146 Euro
Kaiserschnitt: 2.505 bis 5.366 Euro
Die Kaiserschnittrate lag 2012 bei etwa 30%. Etwa 2% aller Geburten fanden außerklinisch statt.

nach oben