Landesfrauenrat
Sachsen-Anhalt e.V.
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* Louise Otto-Peters
17.03.2014

Studie zu Alleinerziehenden: Kinderarmut in Ein-Eltern-Familien stark verbreitet

Alleinerziehende stehen finanziell enorm unter Druck. Fast 40 Prozent der Ein-Elternfamilien mit minderjährigen Kindern beziehen staatliche Grundsicherung. Jedes zweite Kind im Hartz IV-Bezug wächst in einer Ein-Eltern-Familie auf. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung, die am 10. März vorgestellt wurde.

Insgesamt 1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern leben derzeit in Deutschland. In allen Bundesländern ist die Hartz-IV-Quote Alleinerziehender extrem hoch. Im Vergleich zu Paarfamilien beziehen sie fünfmal häufiger Hartz IV. “Wer Kinderarmut bekämpfen will, muss die rechtlichen und familienpolitischen Rahmenbedingungen für alleinerziehende Eltern verbessern”, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Denn die Studie zeigt, dass Ein-Eltern-Familien in unterschiedlichen Rechtsbereichen systematisch benachteiligt werden.

Die Hälfte der Kinder erhält keinen oder weniger Unterhalt
Als problematisch bewertet die Gütersloher Stiftung Regelungen im Unterhaltsrecht und zum Unterhaltsvorschuss. Seit der Unterhaltsrechtsreform können Alleinerziehende kein Geld mehr für Erziehungsarbeit erwarten, wenn ihr Kind älter als drei Jahre und eine Betreuungsmöglichkeit verfügbar ist. Doch auch wenn der Unterhalt regulär fließen würde, ist das längst keine Garantie für eine gesicherte finanzielle Grundlage. In zwei Drittel der Fälle werden Unterhaltszahlungen vereinbart, die unterhalb des Existenzminimums liegen. Und nur für jedes zweite Kind wird der vereinbarte Unterhalt tatsächlich gezahlt; der Rest erhält vom getrennt lebenden Elternteil entweder gar keinen oder weniger Unterhalt.

Unterhaltsvorschuss gleichheitsrechtlich bedenklich
Zahlt der unterhaltspflichtige Elternteil nachweislich nicht, schießt der Staat den Unterhalt vor – allerdings nur bis zur Vollendung des 12. Lebensjahres und nur für maximal sechs Jahre. Trennen sich die Eltern also nach dem 12. Lebensjahr der Kinder, haben diese keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss. Diese Ungleichbehandlung von Kindern ist nach Einschätzung der Studienautorin Anna Lenze gleichheitsrechtlich höchst problematisch.

Schwesig will Entlastungsbetrag nach Zahl der Kinder staffeln
Auch das Steuerrecht gehe nicht adäquat auf die Bedarfe von Alleinerziehenden ein. So führe der seit 2004 geltende, deutlich niedrigere Entlastungsbetrag dazu, dass Alleinerziehende fast so besteuert würden wie Singles. Eine gering verdienende Alleinerziehende hat lediglich eine Steuerersparnis in Höhe von 15 Euro pro Monat, unabhängig davon, wie viele Kinder sie versorgt. Um Alleinerziehende zu unterstützen, will Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) genau hier ansetzen. So stellte die Ministerin in Aussicht, den jährlichen Entlastungsbetrag von 1308 Euro pro Kind anzuheben und ihn nach der Zahl der Kinder zu staffeln.

Der Verband Alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) nimmt die Studie als weiteren Beleg, dass viele familien- und sozialpolitische Maßnahmen Ein-Elternfamilien oft nicht erreichten: So gehe eine Kindergelderhöhung an jenen Kindern komplett vorbei, die Unterhaltsvorschuss beziehen oder in Hartz IV leben. „Der Kinderzuschlag als Hartz IV-vermeidende Leistung kommt ausgerechnet bei Alleinerziehenden nicht an: Denn Unterhaltsvorschuss und Unterhalt werden angerechnet“, kritisierte Edith Schwab, Bundesvorsitzende des VAMV. Auch der Unterhaltsvorschuss sei systematisch zu niedrig angesetzt, da er unter dem Mindestunterhalt liege.

Der VAMV fordert ein radikales Umdenken: Alle kindbezogenen Leistungen müssten zu einer Kindergrundsicherung zusammengeführt werden. „Alle Kinder müssen die gleichen Chancen haben, jenseits von Armut aufwachsen können – unabhängig davon, in welcher Familienform ihre Eltern leben oder welches Einkommen sie haben. Eine Kindergrundsicherung ist überfällig”, forderte Schwab.

Weitere Informationen:
Studie “Alleinerziehende unter Druck” finden Sie hier#

AutorIn: Nathalie Sopacua
Erstellt am: Montag 10. März 2014

Quelle: Deutscher Frauenrat e.V.

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