Landesfrauenrat
Sachsen-Anhalt e.V.
Wenn eine Frau zur Realität durchdringt, lernt sie ihren Zorn kennen, und das heißt, sie ist bereit zu handeln.
* Marly Daly
10.11.2015

Zur Fachtagung "Frauen verlassen ihre Heimat - weibliche Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt"

Eva von Angern

Aktuell fliehen weltweit so viele Menschen wie noch nie zuvor. Nach Angaben der UN-Flüchtlingshilfe sind davon die Hälfte weiblich. Nur die wenigsten weiblichen Flüchtlinge gelingt die Flucht in ein sicheres Land. Unter den Flüchtlingen, die in Deutschland ankommen, sind etwa 30 Prozent Frauen.
Frauen flüchten - wie Männer - aufgrund von Armut, Hunger, Krieg, Folter, Zerstörung der Existenzgrundlagen, mangelnder Bildung und medizinischer Versorgung. Darüber hinaus sind sie geschlechtsspezifischen Menschenrechtsverletzungen wie z.B. Vergewaltigung, Frauenhandel, Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung und Steinigung ausgesetzt.
Über die Situation der hier ankommenden Frauen und die Herausforderungen, die sich für Politik, Verwaltung und die Zivilgesellschaft ergeben, diskutierte der Landesfrauenrat Sachsen-Anhalt e.V. am 2. November 2015 mit über 130 Interessierten auf der Tagung „Frauen verlassen ihre Heimat - weibliche Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt".

 

Ministerin Prof. Dr. Angela Kolb

In den Grußworten der Vorsitzenden des Landesfrauenrates Sachsen-Anhalt e.V., Eva von Angern, der Vorsitzenden des AWO Landesverbandes, Petra Grimm-Benne, und der Ministerin für Justiz und Gleichstellung, Prof. Dr. Angela Kolb wurde schon deutlich, dass:
• die Tatsache, dass Frauen zahlenmäßig den geringen Teil der Zufluchtsuchenden bilden, nicht zur Rechtfertigung werden darf, ihnen die nötige spezifische Unterstützung nicht anzubieten.
• besonderes Augenmerk grundsätzlich auf die geschlechtsspezifischen Fluchtgründe, Bedingungen und Bedürfnisse der Frauen und Kinder zu richten ist. Nach der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 sind Fluchtursachen wie häusliche Gewalt, Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung und Ehrenmord als Verfolgungsgründe anerkannt. Auch in Deutschland führen mit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 solche nichtstaatlichen und geschlechtsspezifischen Verfolgungen zum Schutzanspruch. Aber dies muss ermittelt und erkannt werden.
• Frauen, die vor und während ihrer Flucht traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt waren, des besonderen Schutzes, der Hilfe, des Gehört-Werdens, der Bestärkung in ihren Fähigkeiten und der Unterstützung bei Schritten in ein selbstbestimmtes Leben bedürfen.
• von Beginn an allen klar werden muss, dass sich Frauen in Deutschland auf Gleichstellung und Gewaltfreiheit berufen können und Diskriminierung und Gewalt an Frauen und Kinder unter Strafe stehen und verfolgt werden.

 

Susi Möbbeck

Die Integrationsbeauftragte des Landes, Susi Möbbeck klärte im ersten Vortrag viele Fakten für die teilnehmenden Personen. Dabei wies sie insbesondere darauf hin, dass nicht zu 80% Männer ins Land kommen. Aktuell zeigt sich, dass unter den Asylsuchenden 54,5% Männer, 18,5% Frauen und 27% Kinder sind. Weiterhin klärte Sie, dass 85-90% der aktuell ins Land kommenden Menschen eine reale Bleibeperspektive haben, da sie aus Syrien und Albanien kommen. Sie berichtete über die aktuelle Situation durch die steigenden Flüchtlingszahlen, die aktuell veranlassten Maßnahmen und den weiteren Bedarfen. (die einzelnen Informationen Ihres Vortrag können sie unten herunterladen)

 

Während des gesamten Tages standen immer wieder folgende Fragen zur Diskussion:

  • Sind die Strukturen im Land ausreichend, um die besonderen Belange weiblicher Flüchtlinge Rechnung zu tragen?
  • Was sind diese besonderen Belange?
  1. Überschaubare und geschützte Unterkünfte und Rahmenbedingungen, die eine Retraumatisierung vermeiden; ruhige Rückzugsorte und geschützte Möglichkeiten der persönlichen Hygiene.
  2. geschultes Personal, um schutzbedürftige Personen zu identifizieren
  3. schnell einsetzende Sprach- und Orientierungskurse für Frauen; unter Umständen mit Absicherung einer Kinderbetreuung
  4. Empowerment der Frauen unter Einbezug der Themen Gewalt in der Familie, um Flüchtlingsfrauen darin zu stärken, als Frau in Deutschland im gesetzlichen Rahmen ihr Recht auf ein Leben ohne Gewalt geltend zu machen.
  • Sind Haupt- und Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe entsprechend sensibel für die frauenspezifischen Themen? Welche Fortbildungen und Materialien müssen überhaupt konzipiert werden?
  • Sind andere Beratungseinrichtungen (z.B. Frauenhäuser, Wildwasser etc.) überhaupt in der Lage, den Flüchtlingsfrauen in der zusätzlichen Belastungssituation (aktuelle Gewalt) zu unterschützen und zu schützen?
  • Welcher besonderer Integrationsmaßnahmen bedarf es für Frauen, damit sie hier eine längerfristige selbständige Perspektive haben?

Zusammen mit den Referent_innen der Veranstaltung konnten wir einige Fragen beantworten, aber hauptsächlich kam es zu Denkanstößen und immer wieder zu Äußerung von Bedarfen, die bedient werden müssen. So wurden von allen Teilnehmenden Qualifizierungsangebote und Informationsmaterial für Flüchtlinge und Betreuende in verschiedenen Sprachen und eine feste Struktur zur Finanzierung der betreuenden, beratenden und integrativen Maßnahmen gefordert.

Juliana Luisa Gombe

Abschließend hatten wir noch die Gelegenheit, einen Erfahrungsbericht von Juliana Luisa Gombe zu hören. Sie engagiert sich seit 18 Jahren für die Integration von Flüchtlingen und ist selbst als politisch Verfolgte aus ihrem Heimatland geflohen. Durch ihre Erzählungen bekamen die Teilnehmenden einen ganz praktischen Blick in die Situation von den betroffenen Frauen und wurden zusätzlich darin bestärkt, sich für die Frauen einzubringen, da oft schon Kleinigkeiten positiv wirken.

Unser Ziel, die Perspektive und die besondere Problemlage der Frauen mitzudenken, konnten wir auf der Fachtagung vorerst erreichen. Nun geht es darum, die genannten Inhalte zu nutzen, um die Frauen auf der Suche nach einer Lebensperspektive mit unseren Möglichkeiten zu unterstützen.

Hier können Sie die Veranstaltungsvorträge heunterladen:

nach oben